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Zur Geschichte der Ruhrgebietssprache (von Dirk Hallenberger)

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Zur Geschichte der Ruhrgebietssprache
von Dirk Hallenberger*

*Dirk Hallenberger, *1955 Velbert
Dr. phil., Germanist (Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets 2000)
Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen)


„Das um 1850 einsetzende Aufblühen des Kohlenbergbaues ist der Wendepunkt für die Sprachentwicklung im Ruhrgebiet, da die vielen technischen Ausdrücke und Wörter der Industrie dafür verantwortlich sind, daß sie, wenn sie auch mit der Zeit geläufig wurden, doch das einheitliche Gefüge der Sprache zerrissen.“ Dies ist die Erklärung eines Germanisten, der die Veränderungen der Sprachverhältnisse im Revier kurz nach der Jahrhundertwende aufmerksam verfolgte. Dialektgeographisch betrachtet, trafen diese Wandlungen auf ein Areal, das in seiner Gänze zum niederdeutschen Sprachgebiet gezählt wird. Fast in seiner Mitte wird es allerdings von einer wichtigen Sprachlinie, der niedersächsisch-niederfränkischen Dialektscheide, durchschnitten, so dass der östliche, westfälische Teil des heutigen Ruhrgebiets einen größeren Raum umfasst als der westliche, niederfränkische Teil.

Vor dem Höhepunkt der Industrialisierung war für die meisten Bewohner zwischen Ruhr und Lippe das westfälische bzw. niederfränkische Platt die vorherrschende Sprachform. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die niederdeutschen Dialekte in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet dann jedoch zusehends zurückgedrängt, im entstehenden Ruhrgebiet in besonderem Maße. Gerade in diesem Raum zeigte sich sehr deutlich, wie die raschen Veränderungen der ökonomischen und kulturellen Bedingungen sich in dieser Zeit auf die regionale Sprachentwicklung auswirkten: Die einheimischen Dialekte begannen für ihre Sprecher, mehr noch für die Zugezogenen, stark an Bedeutung zu verlieren.

Dazu der Duisburger Sprachforscher Arend Mihm: „Die alten Dialekte hatten seit der Industrialisierung keine Chance mehr, das Kommunikationsmittel für die breite Mehrheit der Bevölkerung zu bleiben. Die auf die Agrarstruktur bezogene Kleinräumigkeit und der große Abstand zum Hochdeutschen als der überregionalen Sprache machten die niederdeutschen Varietäten ungeeignet für die großen Bevölkerungsbewegungen, die bei der Ansiedlung der Industrie erforderlich waren.“

Vor allem diese Bevölkerungsverhältnisse waren es, die der Sprachsituation des Ruhrgebiets ihren besonderen Charakter verleihen und sie damit von der Entwicklung vergleichbarer anderer Sprachräume abheben. Nun waren es jedoch – was für die Entstehung des Ruhrdeutschen nicht unwesentlich ist – nicht in erster Linie ‚Polen‘ bzw. polnischsprachige Einwanderer, die an der Um- und Neustrukturierung der Bevölkerung im Revier beteiligt waren, auch wenn sie in einzelnen Gemeinden oder Stadtteilen einen hohen Prozentsatz erreichten. In den ersten Phasen kamen mit den Nahwanderern aus dem Rheinland und aus Westfalen hauptsächlich Sprecher aus nieder- und mittelfränkischen bzw. westfälischen Dialektgebieten, so dass die Sprachbarrieren zwischen ansässigen und zugewanderten Bevölkerungsteilen keine ernsthaften Kommunikationsbarrieren dargestellt haben dürften.

Erst in den folgenden Phasen setzte der massenhafte Zustrom aus den vier Ostprovinzen des Deutschen Reiches ein (Schlesien, Posen, Ostpreußen, Westpreußen). Die Voraussetzungen für eine Integration in die Sprachgemeinschaften des Ruhrgebiets waren hier komplizierter, d.h. die Eingliederung der Einwanderer erwies sich bei bestimmten Gruppen als schwieriger, bei anderen als relativ unproblematisch.

Zunächst verdient das Sprachverhalten der ostpreußischen Masuren, die fast die Hälfte der Zuwanderer aus dem deutschen Osten stellten, besonderes Augenmerk. Sie gaben im Allgemeinen ihre eigentliche Muttersprache Masurisch (ein polnischer Dialekt), wenn sie in Masuren nicht bereits zweisprachig (Masurisch/Deutsch) aufgewachsen waren, in der neuen Umgebung rasch auf; sie passten sich, begünstigt durch ihre meist schon mitgebrachte pro-preußische Einstellung, den hiesigen Sprachgegebenheiten an. Die Einwanderer aus der Provinz Posen hingegen hielten auch im Ruhrgebiet, hauptsächlich aus ‚nationalen‘ Motiven, weiterhin an Polnisch als ihrer Muttersprache fest. Da sie in ihrer neuen Heimat jedoch gezwungen waren, auch die deutsche Sprache zu verwenden, waren sie meist zweisprachig. Erst die nachfolgenden Generationen legten das Polnische endgültig ab und erlernten nun Deutsch als Muttersprache.

Diese sozialen und kulturellen Veränderungen hatten für die sprachlichen Verhältnisse des späten 19. Jahrhunderts verschiedene Konsequenzen. Die erste war, dass die Dialekte ihr Ansehen (geringeres soziales Prestige) und ihre Funktionen (geringere kommunikative Reichweite) weitestgehend einbüßen und dass sich gleichzeitig die (prestigereichere und brauchbarere) Standardsprache, wenn auch (je nach Region und Bevölkerungsschicht) in verschiedenen Phasen und unterschiedlichen Intensitäten, erheblich ausbreiten kann. Die zweite Konsequenz war, dass „regionale Ausgleichs- und Mischsprachen, die sog. Umgangssprachen, entstehen, die sprachsoziologisch und pragmatisch zwischen privater, noch stark dialektal geprägter Alltagssprache und der an der Schriftsprache orientierten, öffentlichen Sprache vermitteln“ (Dieter Cherubim). Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung der Varietät Ruhrdeutsch zu verstehen.


Ruhrdeutsch in zehn Sätzen

 

1 Status und Begriffsbestimmung

Ruhrdeutsch ist in erster Linie eine gesprochene Sprache. Als regionale Varietät oder regionale Umgangssprache ist es vor allem durch seinen regionalen Bezug – eben zum Raum Ruhrgebiet – markiert.

 

2 Sprachliche Besonderheiten

Das Ruhrdeutsch umfasst mindestens 30 verschiedene (von der Standardsprache abweichende) Merkmale – auf der lautlichen Ebene, in der Formenlehre und in der Syntax. Darunter finden sich so bekannte Phänomene wie die unverschobenen Verschlusslaute (dat), die Spirantisierung des g (Tach), die Vokalisierung des r (Fahkaate), das unflektierte Possessivpronomen (unser Tante), der übergeneralisierte Akkusativ bzw. Dativ sowie die umschreibende Verlaufsform (am essen). Diese Sprachmerkmale gelten allerdings nicht ausschließlich für den Raum des Ruhrgebiets, wie andererseits nicht alle Bewohner das Ruhrdeutsche in gleicher Qualität und Quantität sprechen.

 

3 Interne Zweisprachigkeit im Ruhrgebiet

Es gibt auf der einen Seite die regional gefärbte Standardsprache, die in Situationen eher öffentlichen Charakters gesprochen wird, und auf der anderen Seite die Umgangssprache des Ruhrgebiets, die in Situationen mehr privaten Charakters gesprochen wird. Linguistisch gesehen, liegen beide Varianten zwar nicht so weit auseinander, dennoch unterscheiden sie sich in allen sprachlichen Teilbereichen hinlänglich voneinander.

 

4 Situativer Verwendungsbereich

Bei einer Meinungsumfrage, die Duisburger Studierende einmal durchführten, zeigte sich zum Beispiel, dass die Mehrheit der Befragten das Ruhrdeutsche „zwar als herzhaft und natürlich einstufte, seine Verwendung aber nur in den Situationen ‚Stammtisch‘, ‚Familie‘ und allenfalls ‚Gespräch mit Arbeitskollegen‘ akzeptierte, für die Schule oder für das Parlament jedoch ablehnte“ (Arend Mihm).

 

5 Sozialer Verwendungsbereich

Empirische Untersuchungen bestätigen, „daß Kinder aus Arbeiter- oder Handwerkerfamilien, auch bei konstant gehaltener Gesprächssituation, die für das Ruhrdeutsche typischen Sprachmerkmale häufiger verwenden als Kinder aus Angestellten- oder Beamtenfamilien“ (Arend Mihm). Andererseits „läßt sich beobachten, daß Studienräte, Rechtsanwälte oder Diplom-Ingenieure auch im halböffentlichen Bereich“ bestimmte ruhrdeutsche Merkmale in ihr aktives Sprachrepertoire aufnehmen.

 

6 Prestige

Bis in die 60er Jahre dieses Jahrhunderts galt das Ruhrdeutsch als minderwertige Sprache, das zudem seine Sprecher als Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau abstempelte. Neuere Umfragen unter Ruhrgebietssprechern zur Bewertung der Regionalsprache ergaben jedoch, dass fast zwei Drittel der Bewerter dem Ruhrdeutschen die attraktiven Qualitäten „herzhaft“ und „natürlich“ zusprachen.

 

7 Historische Entwicklung

In den Jahrzehnten um 1900 setzte durch die sprunghafte Industrialisierung im Ruhrgebiet ein Sprachwandel ein: Die niederdeutschen Dialekte erlebten einen Prestigeverlust, während die deutsche Standardsprache gleichzeitig an Bedeutung gewann. Und daneben entstand mit der regionalen Umgangssprache ein ganz neuer Varitäten-Typ, der mit keiner anderen deutschen Regionalsprache vergleichbar ist und momentan die „am weitesten verbreitete Regionalvarietät des deutschen Sprachraums“ darstellt: das Ruhrdeutsch.

 

8 Sprachliche Einflüsse

Entgegen der weitläufigen Meinung lässt sich die Entstehung des Ruhrdeutschen nicht auf den Einfluss der polnischen Sprache zurückführen („sprachlicher Mischungsprozess“). Wenn man die sprachlichen Besonderheiten des Ruhrdeutschen allerdings mit den ‚alten‘ niederdeutschen Dialekten dieses Raumes vergleicht, so zeigen sich zwischen ihnen ausnahmslos Übereinstimmungen. Die meisten Merkmale der Ruhrgebietssprache stellen also Übernahmen aus dem Westfälischen bzw. Niederfränkischen dar.

 

9 Lexikon

Die Vitalität der Ruhrgebietssprache wird auch dadurch dokumentiert, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von Ruhrdeutsch-Lexika gibt.

 

10 Literaturfähigkeit

Seit den 70er Jahren lässt sich erkennen, dass das Ruhrdeutsch (als schriftliche Variante) mit zunehmender Tendenz literaturfähig geworden ist: von den frühen Glossen eines Wilhelm Herbert Koch (Kumpel Anton) über die Romane von Jürgen Lodemann (Anita Drögemöller, Essen Viehofer Platz) und den Stegreifgeschichten von Elke Heidenreich (Else Stratmann) bis hin zu den Gedichten von Werner Streletz (Poetische Texte) oder Kurt Küther (Ruhrpottogramme) sowie den Komödien von Sigi Domke (Die Koplecks).