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Heinz H. Menge
Über den polnischen Einfluss auf die Umgangssprache des Ruhrgebiets

Heinz H. Menge, geboren 1944 in Herten, viele Jahre Germanist an der Ruhr-Universität Bochum, pensioniert, schaut dem Volk gern aufs Maul, liebt dessen lakonischen Humor, findet ihn sowohl bei Politikern aus der Region (Norbert Lammert) als auch bei der Verkäuferin im Kaufpark oder am Camel-Kiosk. Heinz H. Menge ist Autor des Buches "Mein lieber Kokoschinski. Der Ruhrdialekt" und Mitbegründer der Seite "Sprachlandschaft Ruhrgebiet".

"Wie? Mottek is Hammer? –
Ich dachte Zitronentee mit Bacardi."


Vor drei Jahren meldete sich in Münster nach dem Vortrag eines Kollegen innerhalb einer öffentlichen Vorlesungsreihe ein älterer Herr und meinte, das lasse er sich nicht nehmen, die Sprache des Ruhrgebiets sei polnisch geprägt. (1) Nun, das Ruhrgebiet ist sicher durch Zuwanderer mit Polnisch als Muttersprache stark geprägt worden, und wird es auch heute noch: Wer könnte sich die Dortmunder Borussia gegenwärtig ohne Jakub Blaszczykowski, Robert Lewandowski und Lukasz Piszczek vorstellen? Aber wer nach einer sprachlichen Prägung sucht, wird sich mit einer Fehlanzeige abfinden müssen. Und trotzdem: Das Stereotyp vom polnischen Einfluss auf die Umgangssprache des Ruhrgebiets ist auch heute noch weit verbreitet und wird sich sicher noch lange halten. Wie ist es dazu gekommen?

Ich denke, dafür sind zwei Faktoren verantwortlich. Einmal gibt es – zumindest in Deutschland – ein Stereotyp, das besagt: Wo viele Menschen aus anderen Regionen oder Ländern zugewandert sind, haben sie die Sprache der Einheimischen mitgeprägt. Und je gewaltiger die Zuwanderung, umso stärker der Einfluss. Zum anderen – und da sollte man sich nichts vormachen – hat man mit dem Hinweis auf den polnischen Einfluss die Umgangssprache des Ruhrgebiets diskriminieren (die Sprachwissenschaftler sagen: stigmatisieren) wollen. Im Gegensatz zu allem Französischen hatte Polnisches kein Prestige; wer sich früher im Ruhrgebiet aufwerten wollte, suchte die Nähe zum Französischen oder setzte sich von Polnischem ab. Meine Großmutter, allgemein nur "Nettchen" genannt, betonte immer wieder mal, dass ihr Vorname "Antoinette" mit einem I in der Mitte geschrieben werde! Französisch ausgesprochen hat sie den Namen aber nie, das wäre wohl zu weit gegangen. Ich will keine ollen Kamellen bringen. Aber ich habe die Diskriminierung der Polen nach dem Zweiten Weltkrieg noch miterlebt. "Rot und blau: Polackenfrau!", so oder ähnlich lauteten die Sprüche, die damals noch in Umlauf waren.

Viel beigetragen zur Überwindung von Vorurteilen hat der Fußball: Ohne Spieler mit polnischem Namen hätte sich die SpVgg Herten nie in der Spitze der Zweiten Liga West halten können. Schönbeck, Lorenz, Barwenzik, Rauchmann, Graetsch, Zeitz, Kowalski, Zeugner, Rothermund, Malinowski, Guzicki – die Mannschaft kann ich heute noch im Schlaf aufsagen. Ich glaube, wir haben gar nicht gemerkt bzw. gar nicht darauf geachtet, dass nicht alle Namen »deutsch« waren. 1963 gelang es der Mannschaft, in die neu gegründete Regionalliga aufgenommen zu werden – doch von da an ging’s bergab.

Was die Zahl der Zuwanderer, deren Muttersprache Polnisch war, betrifft, so ist sie von Beginn der Migration an stark übertrieben worden. Das hat im Bewusstsein der Deutschen seine Spuren hinterlassen. Ich konnte es kaum glauben, als ich in der ZEIT Ende 2011 den folgenden Leserbrief las:


Noch ein Nachtrag zur deutschen Integrationsleistung sei erlaubt. Es sollten auch die gegenwärtig circa 4 Millionen Nachkommen jener circa 1,5 Millionen polnischen Zuwanderer erwähnt werden, die im 19. Jahrhundert wegen Arbeit ins Ruhrgebiet kamen und dort blieben. Die Nachfahren jener Zuwanderer verstehen sich heute als Deutsche, obwohl sie die polnische Herkunft ihrer Urgroßeltern nicht vergessen haben. Durch einen Blick in die Telefonbücher des Ruhrgebiets, von Duisburg bis Dortmund, wird diese Tatsache plötzlich klar. Fast zwei Drittel der Familiennamen sind polnischen Ursprungs. (2)

Da blieb mir die Spucke weg. Zwei Drittel! Aber ich will hier nicht auf die Familiennamen eingehen, sondern dem nachgehen, warum der polnische Einfluss für so groß gehalten wird. Dazu haben übertriebene Zahlen (1,5 Millionen, das ist das Dreifache der tatsächlichen Zuwanderung!), aber auch Schilderungen wie die folgende beigetragen:

Geht man in den Orten Buer, Bruch (3), Herten, Castrop, Bottrop, Erle, Gladbeck, Borbeck, Schalke, Oberhausen, Stoppenberg, Caternberg, Recklinghausen, Herne, Eickel, Riemke, Wattenscheid, Marten, Crange bei Schichtwechsel oder an den zahlreichen katholischen Feiertagen, welche die Polen noch durch eine Reihe speziell polnischer Feste zu vermehren wissen, durch die Straßen, so schlagen einem nur ganz vereinzelte deutsche Worte ans Ohr, dagegen hört man allerwärts die Zischlaute der polnischen Sprache. (4)

Die "Zischlaute der polnischen Sprache": Diese Redeweise gehörte zum Arsenal, wenn man die Zuwanderer diskriminieren wollte. Nein, von Integrationsleistung – wie oben im Leserbrief – kann im Falle dieser Zuwanderer nicht gesprochen werden. Sie sind eher zu einer völligen Anpassung gezwungen worden.
Im Übrigen sei auch an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass DIE Polen sich aus mehreren Gruppen zusammensetzten: z.B. aus Katholiken aus der Provinz Posen, Katholiken aus der Provinz Ostpreußen (südliches Ermland), Protestanten aus der Provinz Ostpreußen (Masuren), weitere polnischsprachige Zuwanderer aus der Provinz Schlesien. In Gelsenkirchen-Schalke wohnten vornehmlich Protestanten aus Masuren, die sich als Preußen fühlten. Man stelle sich vor, wie ihnen zumute war, wenn sie im Ruhrgebiet zu den Polen gerechnet wurden.

Nun zurück zum sprachlichen Einfluss der "Polen" auf die Umgangssprache des Ruhrgebiets. Angesichts der massiven Diskriminierung der Zuwanderer ist von vornherein gar nicht zu erwarten, dass dieser Einfluss einen größeren Umfang gehabt haben könnte. Man übernimmt nur dann etwas, wenn man den Eindruck hat, es bringe einem Prestige. In dieser Situation hat eigentlich nur dann ein Wort oder ein Ausdruck aus einer Sprache ohne Prestige eine Chance, übernommen zu werden, wenn man sich über etwas lustig macht.
Matka ist in der Umgangssprache des Ruhrgebiets sicher nicht fest geworden, weil man ein weiteres Wort für "Mutter" schön fand, sondern weil damit ein besonderer Typ ältere Frau bezeichnet wurde. Und Mottek ("Hammer"; im Ruhrgebiet und vorher vielleicht schon in Schlesien ohne das vokalisierte L (geschrieben, gesprochen […]) verdankt das Überleben vielleicht dem auffälligen Klang. Matka und Mottek sind die einzigen Wörter aus dem Polnischen, die heute noch gebraucht werden bzw. die heute noch bekannt sind. Viele jüngere Menschen kennen allerdings auch die nicht mehr.


Doch halt, ich muss genau sein! Mottek ist bei einigen Jugendlichen als Mixgetränk bekannt: Zitronentee mit Bacardi. Ob die hammermäßige Wirkung schon unmittelbar nach der Einnahme des Getränks oder erst am nächsten Tag eintritt, weiß ich nicht. Mottek in dieser Bedeutung ist aber wieder ein schönes Beispiel dafür, wie die Jugendsprache so arbeitet.

Inwieweit in Teilen des Ruhrgebiets noch weitere Wörter und Ausdrücke aus dem Polnischen bekannt sind bzw. gebraucht werden, ist schwer abzuschätzen. Die populären Wörterbücher zur Umgangssprache verzeichnen einiges. Vielleicht kennen Sie, geneigter Leser, geneigte Leserin, ja etwas davon und teilen mir mit, wo man diese Wörter kennt bzw. gebraucht.

Hier eine Aufstellung der möglichen Kandidaten aus vier Wörterbüchern zur Umgangssprache des Ruhrgebiets. (5)
(1) ist das von Claus Sprick (6), 
(2) das hier vorliegende von Werner Boschmann,
(3) das von Hilde Neuhaus (7)
und (4) das von Helga Kanies (8).

dobsche (1-4): gut, prima, astrein;
pitschen (1-4): sich genüsslich betrinken;
Penunsen (1,3), pinunsen (2,4): Geld;
Schisskojenno (1,2,4): völlig egal;
Duppa (2,3): Po;
Pinkatsch (2,4): Kinderspiel (Münzwerfen);
Sinnek (3), Zinnek (4): kleiner Junge; Säugling;
Piez (1): weibliche Brust;
podzeimeduppa (2): Du kannst mich mal!;
peronnje (2): Ausruf des Erstaunens;
Geikas (3): Eier;
Kossa (3): Ziege.

Hier soll noch die Überlegung angestellt werden, ob die stigmatisierende Redeweise vom polnischen Einfluss nicht in (vermeintlich!) guter Absicht verwendet worden ist. Ich erinnere mich noch an den Spruch: "Dat und wat ist polnisch Platt!" Es könnte sein, dass Lehrer die spezifischen Merkmale der Umgangssprache des Ruhrgebiets als "polnisch" diskriminiert haben, um sie den Schülern "auszutreiben". Diese Merkmale standen in ihren Augen sozusagen dem richtigen Hochdeutsch im Wege. Et ist am rechnen, unser Omma ihr klein Häuschen, du blöden Seeger und vor allem die Kasusvertauschung werden in den Ohren der Lehrer nicht gerade schön geklungen haben.
Man wird ihnen kaum einen Vorwurf machen können, denn die Einsicht, dass jede/r über mehrere Register bzw. Varietäten verfügt, die sich nicht unbedingt gegenseitig beeinflussen müssen, ist selbst heute noch nicht allgemein verbreitet. Irgendwie ist es paradox: Man meint es gut, greift aber zu den falschen Mitteln. Doch auch und vielleicht gerade für den Bereich der Sprache gilt, dass der Zweck die Mittel nicht heiligt. Es gibt zu viele Kollateralschäden.


(1) Ich verdanke diesen Hinweis Dirk Hallenberger, der bei dem Vortrag anwesend war. Der Vortragende war René Schiering. Vergleiche auch den Bericht in den "Westfälischen Nachrichten": http://www.wn.de/Welt/Kultur/ 2010/05/Kultur-Nachrichten-Ich-geh-im-Zoo.
(2) Siehe: DIE ZEIT Nr. 45/2011 vom 3.11.2011. S. 93.
(3) Das ist das spätere Recklinghausen-Süd.
(4) [Schaper, Ernst/Einecker, Oskar] (1901): Die Polen im Rheinisch-westfälischen Steinkohlen-Bezirke. München. S. 54. Vgl. dazu Menge, Heinz H. (1979): Einflüsse aus dem Polnischen im Ruhrgebiet? In: Niederdeutsches Wort 19, S. 86-116. (Auch in: Mihm, Arend (Hrsg.) (1985): Sprache an Rhein und Ruhr. Stuttgart: Steiner. S. 223-244 und Tabelle S. 162.).
(5) Sie ist zuerst erschienen in: Lakemper, Udo/Menge, Heinz H. (1999): Nicht nur "Maloche", aber … Jiddische Einflüsse auf die Sprache des Ruhrgebiets. In: Barbian, Jan-Pieter u.a. (Hrsg.): Juden im Ruhrgebiet. Vom Zeitalter der Aufklärung bis in die Gegenwart. Essen: Klartext. S. 575-600 (576).
(6) Sprick, Claus (1984 und öfter): Hömma! Sprache im Ruhrgebiet. Mit einem Nachwort von Klaus Birkenhauer: Ruhrgebiets-Deutsch in Regeln. Straelen: Straelener Manuskripte Verlag. (= Europäisches Übersetzer-Kollegium. Glossar Nr. 3.)
(7) Neuhaus, Hilde (Pseud.) (1994 und öfter): Tach zusammen! [... so spricht das Ruhrgebiet]. München: Compact Verlag. (= Compact Miniwörterbuch.)
(8) Kanies, Helga (1991 und öfter): "Sarret ährlich". Die Sprache im Ruhrgebiet. Bonn: Bouvier.

Mein lieber Kokoschinski

Leicht verändert aus:
Heinz H. Menge, Mein lieber Kokoschiski: Der Ruhrdialekt:
Aus der farbigsten Sprachlandschaft Deutschlands (2013)
Mehr zum Buch gibt es HIER


Copyright: Verlag Henselowsky Boschmann
Boschmann und Bunpanya-Boschmann GbR


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